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Welche Voraussetzungen braucht es um Sänger zu werden?

Um diese Frage beantworten zu können, ist es notwendig, erst einmal zu klären, wie Singen überhaupt vermittelt wird. Gesangstechnik wird traditionellerweise mit Metaphern beschrieben. Diese sollen dem Schüler einen instinktiven Zugang zu den richtigen Bewegungsabläufen ermöglichen.

In der Regel bauen sie auf den taktil-kinästhetischen Eigenwahrnehmungen des Gesangspädagogen, und oder sie sind sängerisches Allgemeingut, wie zum Beispiel die Begriffe Tiefgriff, Auf dem Atem Singen, nach Hinten Singen, Schlank singen etc. Was aber, wenn der Schüler diese Metaphern falsch versteht und sie mit falschen Bewegungsabläufen verknüpft? Die traditionelle Gesangspädagogik sagt: Dann ist der Schüler unbegabt.

Missverständnisse sind meist der Grund für Stagnation

Ich sage: das Vermitteln von Gesangstechnik ohne präzise Bewegungsanleitung führt zwangsläufig zu Missverständnissen, nicht nur weil die „falschen“ Bewegungsabläufe weniger Überwindung brauchen, ja naheliegender sind. Die richtigen Bewegungsabläufe führen in einem ersten Schritt manchmal zu einer Verminderung des Stimmklanges. Zudem fühlen sie sich anfänglich oft umständlich an. Ein Schüler, der nicht präzise angeleitet und geführt wird, wird sie deshalb auch dann nicht in seine Gesangstechnik integrieren, wenn er sie eigentlich zur Verfügung hätte. Entsprechend finden nur ganz wenige der abertausend Gesangsschüler weltweit zu einer hohen Meisterschaft. Die grosse Masse jedoch dümpelt uninspiriert vor sich hin – grösster Willensanstrengungen zum Trotz.

Niemand kann die hohe Misserfolgsrate erklären

Die traditionelle Gesangspädagogik, wie sie an den Konservatorien anzutreffen ist, argumentiert, dass es am Organ des Sängers liegt, wenn er trotz langjährigem, intensivem Studium limitiert bleibt. Insbesondere für das dramatische Fach, heisst es, brauche es einen ganz besonderen Kehlkopf.

Diese Annahme widerspricht aber nicht nur den Aussagen grosser Sänger, sie ist auch wissenschaftlich widerlegt. Klar gibt es organische Veränderungen an den Stimmlippen , Lähmungen der Kehlkopfnerven und andere anatomische Anomalien, die der Entwicklung einer professionellen Singstimme im Wege stehen. Abgesehen davon gibt die Natur lediglich zwei Dinge vor: Die Tiefe der Stimme sowie ihr Timbre. Ersteres bedeutet, dass die Stimme nicht in die Tiefe entwickelt werden kann. Zweiteres macht, dass die Stimme unabhängig von der Schulung, die sie durchläuft, unverwechselbar bleibt.

Daraus das Stimmfach oder die Tessitura ableiten zu wollen, ist jedoch ein Unterfangen, von dem jeder seriöse Gesangspädagoge die Finger lässt, denn die Entwicklung des Stimmumfanges in die Höhe sowie ihres Klanges ist Gegenstand der Gesangsausbildung. Und wie diese verläuft lässt sich nicht vorhersagen – 200 Jahren „wissenschaftlicher“ Forschung zum Trotz.

Ein anderes Argument, dass gerne angeführt wird, ist die Belastbarkeit der Stimme. Es gibt Stimmlippen mit einer dickeren Mucosa und solche, mit einer dünneren. Diejenigen mit der dünnen Schleimhaut ermüden schneller und sollten daher aussortiert werden, ist die Argumentation. Aber ist es nicht die Aufgabe der Gesangstechnik, die Stimme vor Ermüdung zu bewahren?

Bleibt die Frage nach dem sängerischen Talent

Bleibt das Argument der fehlenden sängerischen Intuition. An den Konservatorien wird diese Diagnose im Akkord ausgestellt. Aber was ist das eigentlich, sängerisches Talent? Dass es nicht der intuitive Zugang zur Gesangstechnik, aber auch nicht die Leistung der Stimme sein kann, haben wir bereits geklärt.

Bleiben noch die Intonationssicherheit und das Taktgefühl. Beides entwickelt sich in uns mit Beginn des Spracherwerbs, also noch vor der Geburt. Bereits zu diesem frühen Zeitpunkt lernen wir nämlich unsere Muttersprache anhand des Betonungsmusters und der Melodie von anderen zu unterscheiden.

Idealerweise entwickeln wir diese Grundfertigkeit bereits in unserer Kindheit weiter, indem wir die Musikschule besuchen. Weil unser Gehirn bis zum Ende plastisch bleibt, können wir die Intonationssicherheit sowie das Taktgefühl aber auch noch als Erwachsene lernen.

Zum Singen lernen braucht es also einen ganz normalen Kehlkopf, etwas Sprachgefühl; vor allem aber braucht es eine unmissverständliche, eng geführt Anleitung, Motivation und ein Quäntchen Intelligenz.

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