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respiro

Abgrenzung zu anderen Bewegungsabläufen

Bevor ein Sänger zu einem allerersten Ton ansetzen kann, muss er seinen Lungen Luft zuführen, denn das Singen ist nunmal nur während der Ausatmung möglich. Unter der Begrifflichkeit “Atmen” wird im Singen meist weit mehr zusammengefasst, als der Akt der Luftzufuhr. Im Gymnasium der Stimme wird das eigentliche Atmen aber strikte von weiteren Aktivitäten der an der Atmung beteiligten Muskulatur abgespalten. Dies, um dem Schüler ein schrittweises Nachvollziehen zu ermöglichen. Weitere Bewegungsabläufe, die traditionell zum “Atmen” hinzugezählt werden, sind: sostegno und inalare la voce, aber auch positura superba.

Der Bewegungsablauf

Es gilt als erwiesen, dass Menschen physiologischerweise kostoabdominal atmen. Dies bedeutet, dass der Einatemimpuls, der vom Zwerchfell ausgeht (abdominale Atmung), eine Mitbewegung des Brustkorbes auslöst (kostaler Anteil). Mit dem Zwerchfell mitbewegt werden der Rücken, die Flanken und  der untere Bauch. Keinesfalls mitbewegt wird der Schultergürtel, da mit der Schultermuskulatur die Kehlkopfmuskulatur mitaktiviert wird, ein Heben der Schultern also eine Verspannung des Kehlkopfes bewirken kann.

Nicht sinnvoll ist die rein abdominale Atmung, bei der der Brustkorb durch aktives Aufspannen an einer Mitbewegung gehindert wird. Durch das aktive Aufspannen des Brustkorbes wird zum Einen das Atemvolumen unnötig verkleinert, zum Anderen wird die Kehlkopfmuskulatur verspannt, was den Stimmklang vermindert.

Ebenfalls ungeeignet für das Singen ist die rein kostale Atmung. Bei dieser Atemform hebt sich beim Einatmen ausschliesslich der Brustkorb, während der Bauch neutral bleibt oder sogar eingezogen wird. Die kostale Atmung, die bis in die fünfziger Jahre breit gelehrt wurde, nutzt das Atemvolumen zu wenig gut aus und verursacht mit grosser Wahrscheinlichkeit massive Fehlspannungen der Kehlkopfmuskulatur.

Die Atembewegung wird während des Singens durch andere Bewegungsabläufe überlagert. Beispielsweise kann die Mitbewegung des Brustkorbes durch eine sehr starke Aufrichtung der Halswirbelsäule im Rahmen des Bewegungsablaufes positura superba nahezu aufgehoben werden. Entscheidend ist, dass der Brustkorb nicht durch ein Fixieren der Brustmuskulatur an der Mitbewegung gehindert wird. Das Zwerchfell kann in seiner Beweglichkeit durch den Bewegungsablauf sostegno behindert werden. Hier ist wichtig, dass diese Behinderung nur kurzzeitig bestehen bleibt, der Einatemimpuls des Zwerchfelles also nicht andauernd unterbunden wird.

stimmtheoretische Hypothesen der Autorin

Hypothese 1: Die kostoabdominale Atmung ist anderen Atemformen vorzuziehen, weil sie die physiologische Atemform des Menschen ist, die die geringsten koordinativen Anforderungen an ihn stellt und mit der er sein Lungenvolumen am effizientesten nutzen kann.

Hypothese 2: Die Atmung darf zu keinem Zeitpunkt, weder beim Einatmen noch beim Ausatmen mit einem Festhalten des Schultergürtels, des Brustkorbes oder des Bauches einhergehen, da dies Fehlspannungen der Kehlkopfmuskulatur provozieren kann. Die kostoabdominale Atmung ist die einzige Atemform, die diesem Anspruch gerecht wird.

Hypothese 3: Das Einatmen durch die Nase ist während der Ruheatmung wichtig für die Befeuchtung der Atemwege. Eine Mundatmung für die Dauer der Stimmatmung schadet den Atemwegen jedoch nicht.

Aussagen anderer Autoritäten

Atmen als Teil der Stimmbildung und Stimmtherapie

Seit Kofler Ende des 19. Jahrhunderts ein Buch über das Atmen veröffentlichte, hat das Diagnostizieren und das Trainieren der Ruheatmung einen festen Platz in der Gesangspädagogik wie in der Stimmtherapie. So legen beispielsweise der Ansatz von Smith oder der Ansatz von Schlaffhorst und Andersen Wert auf die Dreiteiligkeit derselben (vgl. Saatweber, 1994, S. 19; Smith; nach Hammer, 2012, S. 163). Aus der für diese Arbeit berücksichtigten Literatur geht jedoch nicht hervor, welche Ziele bezüglich des Stimmklangs und der an der Phonation beteiligten Körperstrukturen mit der Fokussierung auf die Dreiteiligkeit der Ruheatmung verfolgt werden, beziehungsweise ob eine solche Zielsetzung überhaupt existiert.

Einzig im Therapieansatz von Middendorf wird explizit ausgesagt, dass Tragfähigkeit, Klangausprägung und Elastizität der Stimme durch Zulassen und Beobachten der Ruheatmung verbessert werden können (vgl. Middendorf; nach Hammer, 2012, S. 171). Es konnte in der berücksichtigten Literatur jedoch nichts gefunden werden, was diese Kausalität theoretisch begründen würde.

Eine ausführliche Hypothese dazu, welche Ziele das Üben der Ruheatmung bezüglich der an der Phonation beteiligten Körperstrukturen verfolgt, liefert einzig der Erfinder der Atemübungen selbst. Kofler stellt die Theorie auf, dass eine schlechte Atmung die Elastizität der Alveolen beeinträchtigt und dass die Lungen in Folge schlechter Atmung „schrumpeln“ (vgl. 2012, S. 39). Weiter schreibt er, dass die Lungen gasförmige Abfallstoffe aus dem Blut filtern und dass sie bei der Abgabe dieser Stoffwechselabfälle atemtechnische Unterstützung brauchen (vgl. ebd., S. 60). Diese Unterstützung besteht unter anderem aus einem Einbehalten der Einatemluft in Form einer Pause zwischen Ein- und Ausatmung, aber auch aus der Forderung, bei jedem Atemzug die Lunge maximal zu füllen und anschliessend bis aufs Letzte zu leeren (vgl. ebd.). Kofler stellt die Behauptung auf, sich durch die umschriebenen Übungen von Schwindsucht geheilt zu haben (vgl. ebd., S. 16 – 17). Koflers Atemübungen schaffen also eher die Voraussetzungen für eine gute Stimmgebung, als dass sie die Stimmgebung selbst direkt beeinflussen.

Nasenatmung

Die Logopädin Spiecker-Henke nennt die fehlende Nasenatmung als Beobachtungskriterium zur Erkennung einer Stimmstörung, wobei sie anhand dieses Kriteriums nicht nur die Ruheatmung sondern auch die Stimmatmung beurteilt (vgl. Spiecker-Henke, 1997, S. 74). Sie impliziert damit, dass sie die Mundatmung auch bei der Stimmatmung ablehnt.

Kofler hält beim schnellen Einatmen eine Kombination aus Mund- und Nasenatmung für zulässig (vgl. 2012, S. 56).

Der italenische Tenor und Gesangslehrer Menicucci empfiehlt zum Singen das Einatmen durch den Mund (vgl. 2011, S. 49).

Die beiden Phoniater Nawka und Wirth halten fest, dass bei der Ruheatmung überwiegend durch die Nase, bei der Sprechatmung überwiegend durch den Mund geatmet wird (vgl. 2008, S. 11).

Einatemgeräusch

Ebenfalls als Beobachtungkriterium zur Erkennung einer Stimmstörung verwendet Spiecker-Henke das Einatemgeräusch (vgl. 1997, S. 74), wobei sie nicht genauer definiert, ab wann eine Einatmung als geräuschhaft eingestuft werden muss.

Kofler vermerkt lediglich, dass ein Einatemgeräusch „unpleasant“ sei (vgl. 2012, S. 56).

Brünner unterscheidet zwischen dem ungünstigen „Einziehen der Luft“ und dem günstigen „Haschen nach Luft“ (vgl. 2001, S. 13). Unklar ist, wo die Grenze zwischen den beiden verläuft.

Eine Aufnahme von Moffo mit einer relativ nahen Platzierung des Mikrofons bei der Sängerin zeigt, dass ihre Einatmung bei einer als herausragend einzustufenden Sängerin als Aktivität grundsätzlich hörbar ist. Auch ist eine Aktivität des Brustkorbes zu erkennen (vgl. youtube-Video 22, ganze Spieldauer).

Nawka und Wirth sagen, dass das hörbare Inspirium einer rein kostalen Atmung, also einer Atemform bei der nur der Brustkorb bewegt, das Zwerchfell aber passiv „mit in die Höhe gezogen“ wird,  „nicht physiologisch“ ist (vgl. 2008, S. 12). Es darf angenommen werden, dass sie das Einatemgeräusch dieser Atemform deshalb als nicht physiologisch einstufen, weil sie auch die Atemform als nicht physiologisch ansehen. Sie sprechen dies jedoch nicht explizit aus.

Der Einfluss der Atmung auf die Kehlkopfmuskulatur

Kofler behandelt in seiner Publikation aus dem Jahr 1893 auch diesen Aspekt der Atmung. Er übernimmt von älteren Autoren die Unterteilung in abdominale, kostale und klavikulare Atmung. Letztere macht er verantwortlich für einen fixierten Kehlkopf, für „unmusikalischen und harschen Stimmklang“, für zu tiefes Singen sowie für Aussetzer und Abbrüche beim Singen hoher Töne (vgl. 2012, S. 36), wobei er an anderer Stelle ergänzt, dass es eigentlich nur einen Atemapparat gibt und die klavikulare Atmung als solches gar nicht existiert (vgl. ebd., S. 40). Demnach werden die beschriebenen negativen Auswirkungen auf den Stimmapparat seiner Ansicht nach nicht durch die Atmung, sondern durch die Muskeln, die die Schultern und die Schulterblätter anheben, ausgelöst (vgl. ebd., S. 42).

Nawka und Wirth beurteilen eine rein kostale Atmung nicht direkt als nicht physiologisch, bringen sie aber wie erwähnt mit einem nicht physiologischen Einatemgeräusch in Verbindung. Weiter fügen sie an, dass die kostale Atmung lediglich ein Drittel des Atemvolumens fördert (vgl. 2008, S. 12). Eine negative Beeinflussung der Phonation wird nicht angesprochen.

Der Ansatz der atemrhythmisch angepassten Phonation nach Coblenzer und Muhar vertritt die Ansicht, dass sich beim Umkehrpunkt zwischen Ausatmung und Einatmung die gesamtkörperliche Spannung lösen muss und dass diese Entspannung mit dem Tiefschnellen des Zwerchfelles verkoppelt ist (vgl. Coblenzer & Muhar, 1976, S. 25; Sarasin, n. d., S. 5). Coblenzer und Muhar implizieren weiter, dass das Auseinanderweichen der Stimmlippen (vgl. 1976, S. 109) und auch eine „besonders vorteilhafte Position des Kehlkopfes für die Stimmerzeugung“ (vgl. ebd., S. 111) mit der Abwärtsbewegung des Zwerchfelles zusammenhängt. Die Untersuchungen des Phoniaters Nadoleczny zeigen jedoch auf, dass der Grad der Senkung und Rückbewegung des Kehlkopfes  bei der Einatmung massgeblich von der Tiefe des Atemzuges abhängt, nicht von der Atemform (vgl. Schilling, 1937, S. 75). Es muss angefügt werden, dass weder Sarasin noch Coblenzer und Muhar explizit von einer reinen Zwerchfellatmung sprechen. Explizit von einer reinen Zwerchfellatmung sprechen die Phoniater/Stimmtherapeuten Pahn und Pahn. Sie sagen, dass bei der Stimmatmung die Atemhilfsmuskulatur [Rippenmuskulatur, Anm. der Verf.] nicht beteiligt sein dürfe. Sie wird durch eine starke Aufrichtung des Oberkörpers in Einatemstellung fixiert(vgl. 2000, S. 166).

Im Unterschied zur kostoabdominalen Atmung kann die rein abdominale Atmung nur zwei Drittel des Lungenvolumens nutzen (vgl. Nawka & Wirth, 2008, S. 12). Nicht zuletzt deshalb wird von verschiedenen Autoritäten die kostoabdominale Atmung als physiologische Atemform des Menschen angesehen (vgl. Hammer, 2003, S. 20; Nawka & Wirth, ebd.; Seidner & Wendler, 2010, S. 58 – 59). Pahn und Pahn selbst erwähnen, dass der Mensch natürlicherweise kostabdominal atmet (vgl. ebd., S. 168).

Sie sind aber nicht die einzigen, die sich für eine rein abdominale Atmung aussprechen. Brünner rät vor der Einatmung „zwanglos den Brustkorb aufzuspannen“ (vgl. 2001, S. 14). Da man seiner Meinung nach einem Sänger aber „niemals an der Brust ansehen darf, dass er atmet“ (vgl. ebd., S. 15), impliziert er damit, dass der Brustkorb während dem Singen in dieser fixierten Stellung gehalten werden muss, und zwar durch eine Eigenaktivität der Rippenmuskulatur. Eine willkürliche Erweiterung des Brustkorbes während der Phonation schlagen auch Coblenzer und Muhar vor (vgl. 1976, S. 67).

Menicucci nennt diese Atemform die „in basso e in dentro“-Atmung. Er kritisiert:

Vi sono tuttavia delle contraindicazioni, dovute soprattutto al fatto che questa manovra scatena una serie notevole di ,movimenti‘ verso l’alto. Quello della laringe, per esempio, che provoca gravi limiti di estensione in zona acuta e di dizione. … Quello dell’inspirazione, in quanto il fiato viene governato. (2010, S. 60 – 61)

Offen lässt er, wovon die „Bewegungen in die Höhe“ ausgehen. Auch sagt er nichts darüber aus, inwiefern diese „Bewegung in die Höhe“ durch ein Abspannen auf den Schlusskonsonant, wie Coblenzer  und Muhar es fordern (vgl. Sarasin, n. d., S. 5), abgefangen werden könnte. Klar wird aber auch, dass das Abspannen beim rein abdominalen Atmen nicht von alleine passiert, sondern bewusst vorgenommen werden muss. Mehr zu diesem Thema in den folgenden Abschnitten.

Menicucci favorisiert selbst die „in basso e in fuori“-Atmung (vgl. 2011, S. 62), wobei „in basso“ für ein Einatmen durch Absenken des Zwerchfelles steht, „in fuori“ für das Beibehalten der Einatmungsstellung von Bauch und Zwerchfell während der Ausatmung (vgl. ebd., S. 59). Menicucci schreibt dieser Art der Ausatmung im Vergleich zur „in basso e in dentro“- Atmung nicht nur die bessere Wirkung auf die Kehlkopfmuskulatur und die Stimmlippen zu (vgl. ebd. S. 48). Er, sowie der Phoniater Fussi sind der Ansicht, dass die beiden unterschiedlichen Atemformen den Stimmklang unterschiedlich beeinflussen und dass die beiden gegensätzlichen Stimmklänge unterschiedlichen Gesangstraditionen zuzuordnen sind (vgl. Fussi; nach Menicucci, 2011, S. 15; Menicucci, 2011, S. 62 – 65).

Zu Menicuccis Ausführungen der „in basso e in fuori-Atmung“ muss angefügt werden, dass eine Bewegung der Bauchwand nach aussen und in die Tiefe der Ausatmungsbewegung grundsätzlich widerspricht, denn das Zwerchfell steigt mit abnehmenden Lungenvolumina immer in die Höhe, weshalb die Bauchwand immer einsinken muss (vgl. Sundberg, 1997, S. 43-44).

Der schwedische Stimmforscher Sundberg ist weiter der Ansicht, dass es unwahrscheinlich sei, dass die für die Ausatmung verantwortliche Muskelgruppe den Stimmklang beeinflusst (vgl. 1997, S. 41), was gegen die von Fussi geäusserte Meinung spricht, dass die beiden verschiedenen Atemformen zwei unterschiedliche Stimmklänge erzeugen. Im selben Abschnitt gibt er jedoch zu bedenken, dass unterschiedliche Atmungsmethoden eine unterschiedlich gute Kontrolle der Stimmlippenschwingungen erlauben (vgl. ebd.).

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