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sostegno

Abgrenzung zum Begriff Atemstütze

Das sostegno ist der wichtigste Bewegungsablauf aus dem Bewegungskomplex, der weithin “Zwerchfellstütze” genannt wird, zudem jedoch eine Vielzahl weiterer technischer Elemente dazugezählt werden. Vom renommierten Stimmforscher Johan Sundberg wird das sostegno “Zerchfellkontraktion” genannt (vgl. 1997, S. 50).

Der Bewegungsablauf

Unter dem Begriff sostegno wird die Kompression des Bauchinhaltes durch gleichzeitige Kontraktion von Zwerchfell und Bauchdeckenmuskulatur verstanden. Gemeint ist also ein Hartmachen der Bauchdecke, wie ein Boxer dies tut, um einen Schlag abzufangen.

Das sostegno ist von der Atmung unabhängig. Das bedeutet, dass während des sostegno ein- und ausgeatmet werden kann, wobei die Ausatmung trotz der Bauchdeckenkontraktion unforciert vonstatten geht, und dass das sostegno auch den vom Zwerchfell ausgehenden Einateminpuls nicht behindern darf. Richtig ausgeführt ist es also möglich, mit sostegno einen sehr leisen und weichen Ton zu produzieren. Zudem kann mit sostegno physiologisch, das heisst kostoabdominal geatmet werden.

Das sostegno kann verstärkt werden, wenn der Bauchinhalt nicht nur zusammen-, sondern gleichzeitig auch in die Tiefe gedrückt wird. In diesem Fall spricht man in der italienischen Fachwelt auch von affondo. Das In-die-Tiefe-Drücken des Bauchinhalts darf nicht mit einem Hinunterdrücken der Schultern einhergehen.

Propriozeptive Erkennungsmerkmale und Eigenhören

Das sostegno vermittelt ein Gefühl von gesamtkörperlicher Schwere. Die Töne, die mit sostegno (und sul pianto) realisiert werden, hören sich durch Eigenhören aber dennoch schlank an. Auch erzeugen Töne, die mit der Technik des sul pianto UND mit sostegno gesungen werden, weiterhin eine Gefühlssensation in der Mitte des oberen Zahndammes, so als entstünde der Ton dort und nicht im Kehlkopf.

Die gesamtkörperliche Schwere, die das sostegno erzeugt, verändert sich nicht, wenn die Füsse den Kontakt zum Boden verlieren. Sie verändert sich jedoch erheblich, wenn der Oberkörper aus der Senkrechte bewegt wird. Aus diesem Grund mögen italienische Sänger es gar nicht, wenn Regisseure von ihnen verlangen, liegend zu singen.

Wenn das sostegno bei ansteigender Tonhöhe gesteigert wird, fühlen sich hohe Töne tiefer an als diejenigen nahe der Sprechstimmlage. Diesen Effekt nennt man auch Tiefgriff.

Unterschiedliche Gesangstraditionen

Während italienische Heldentenöre während dem Singen dramatischer Passagen mit maximaler Muskelkraft ihre Rumpfmuskulatur in den Boden stemmen, stehen Countertenöre stehts ganz locker und entspannt daneben. Entsprechend unterschiedlich ist auch der Klang, den sie mit ihrem Instrument erschaffen.

Bei diesen zwei Beispielen handelt es sich um zwei Extreme einer unglaublichen künstlerischen und kulturellen Vielfalt, die jeder Liebhaber der klassischen Musik respektieren sollte – unabhängig von den eigenen klanglichen Präferenzen.

Die unterschiedlichen Gesangstechniken dienen nämlich nicht in erster Linie der Ästhetik. Wie weiter unten hypothetisiert, schützt das sostegno die Stimme vermutlich vor Überlastung. Für einen Heldentenor ist es daher überlebenswichtig, richtig zu stützen. Ein Countertenor hingegen würde mit derselben Technik seine Kehlkopfmuskulatur aus der fragilen Balance bringen und seine Falsettstimme ruinieren. Je nach Stimmleistung sind also ganz unterschiedliche und nicht miteinander vergleichbare technische Anforderungen gefragt, wobei keine Stimmtechnik der anderen überlegen ist, da keine die andere ersetzen könnte.

Einen kleinsten gemeinsamen Nenner haben jedoch alle Sänger – innerhalb und auch ausserhalb der klassischen Musik: Sie müssen fähig sein, den Tonus der Rumpfmuskulatur von der Lautstärkengestaltung zu trennen. Dies bedeutet, dass kein Sänger ohne ein minimales sostegno auskommt. Insbesondere das Belten ist ohne diese Grundfähigkeit massiv stimmschädigend. Franco Tenelli hat hierzu ein Video produziert:

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Stimmtheoretische Hypothesen der Autorin

Hypothesen 1: Wenn der Bauchinhalt durch eine Kontraktion von Zwerchfell und Bauchdeckenmuskulatur umschlossen wird, so bewirkt dies eine von der Atmung unabhängige, reflektorische Stabilisierung des Atemtraktes. Dieser Reflex, der verhindert, dass jede Kontraktion der Bauchmuskeln zu einer Komprimierung der Lungen und zu einem Ausströmen der Atemluft führen würde, stabilisiert nicht nur die Lungen selbst, sondern auch die Luftröhre und die Kehlkopfmuskeln. Bei Phonation werden zudem die Taschenfalten unabhängig vom Anblasedruck einander angenähert, und die Stimmlippenschwingungen verändern sich.

Hypothese 2: Die reflektorische Stabilisation des Atemtraktes lässt sich daran erkennen, dass das sostegno Stottersymptome unterdrückt.

Hypothese 3: Eine mit sostegno realisierte Phonation benötigt weniger Anblasdruck als dieselbe Phonation, die ohne sostegno realisiert wird. Nach meiner Beobachtung erklärt dieser Effekt, warum die Stimme mit sostegno bei gleicher Leistung weniger schnell ermüdet, als ohne sostegno.

Hypothese 4: Das sostegno beeinflusst die Koordination der Kehlkopfmuskulatur beim Singen, indem es den Kehlkopf in seiner Lage stabilisiert. Es hindert den Kehlkopf also am Aufsteigen, bringt ihn aber nicht automatisch in die richtige Lage. Um den Kehlkopf anfänglich richtig zu positionieren, bedarf es des Bewegungsablaufes sul pianto, um während dem Singen den Kehlkopf am Aufsteigen zu hindern, bedarf es zusätzlich des Bewegungsablaufs girare il suono.

Hypothese 5: Dank dem sostegno kann auf jeder Tonhöhe decrescendiert werden, ohne dass der Kehlkopf wegen des absinkenden Anblasedruckes in die Höhe rutscht. Das sostegno ist daher die Basis für die mezza voce.

Hypothese 6: Das sostegno kann nicht übertrieben werden, führt also nie zum „Überstützen“, da es eine Kontrolle des Ausatemdrucks voraussetzt. “Überstützen” beziehungsweise Pressen tritt nur auf, wenn das sostegno fehlt.

Aussagen anderer Autoritäten

In historischen Dokumenten finden sich Formulierungen, die als sostegno gedeutet werden können:

Der Deutsche Johann Friedrich Agricola, hält im Jahre 1757 fest, dass beim Singen nur so viel Luft als nötig ausgestossen, das übrige aber zurückbehalten werden soll (vgl. Agricola; zitiert nach von Bergen, 2006, S. 24). Das Zurückbehalten der Luft kann als Synonym für das sostegno verstanden werden. Der Stimmbildner Von Bergen interpretiert denselben Wortlaut allerdings abweichend.

Der Italiener Lablache ermahnt den Gesangsschüler im Jahr 1842, beim Einatmen den Bauch anzuspannen und diesen erst wieder loszulassen, wenn alle Luft ausgeströmt ist (vgl. 2006, S. 9). Die andauernde Kontraktion des Bauches könnte als sostegno aufgefasst werden. Es ist aber auch möglich, dass er mit dem Anspannen der Bauchdecke ein Einziehen derselben meint. Sein Ziel wäre dann eine kostale Atmung und nicht das sostegno.

Der Deutsche Lohmann hält 1938 fest, dass zum Singen Spannungen im Atemapparat, im Ansatzrohr und in den Stimmlippen nötig sind.

Für viele scheint das im Widerspruch zu dem Begriff ,Lockerheit‘ zu stehen. Lockerheit bedeutet aber zunächst nur die Ausschaltung aller unnötigen Muskelspannungen. (2009, S. 23)

An anderer Stelle ergänzt er:

Eine gute Atemstütze ist gebunden an eine körperliche Gesamteinstellung, die bei einem deutlich gefühlten festen Halt und einer natürlichen gesunden ,Ballung‘ des Atems doch ein elastisches Spiel der Stimmlippen erlaubt, ohne dass ein zu starker Atemdruck diese je bedrängt (ebd. S. 43).

Brünner ist 1984 der Ansicht, dass die Atemstütze vom Zwerchfell „die Beibehaltung der Spannung“ fordert, dass die Bauchwand jedoch gleichzeitig entspannt ist (vgl. 2001, S. 21). Bei einer reinen Zwerchfellatmung, von der er ausgeht, ist es jedoch sehr schwierig, auszuatmen, ohne die Bauchdecke anzuspannen. Ebenso wenig schlüssig ist seine Argumentation, dass die Bauchmuskeln stärker sind als das Zwerchfell und daher eine „an den Bauchmuskeln ansetzende Kraft das elastische Verhalten des Zwerchfelles und dadurch die Atemstütze unmöglich macht“ (ebd.). Dies, weil der Einsatz der Bauchmuskulatur ja erstens dosierbar ist und zweitens in jedem Fall bei der aktiven Ausatmung beteiligt ist. Denkbar ist, dass Brünner die Bauchdecke und das Zwerchfell gegeneinander kontrahiert, dies jedoch nicht bewusst wahrnimmt, weil der Tonus der Bauchdeckenmuskulatur aufgrund einer hochaufgerichteten Haltung erhöht ist. Weiter ist denkbar, dass er sich durch seine Darstellung vor allem von der Übungspraxis distanzieren will, die Tenelli im folgenden umreisst:

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Menicucci hebt hervor, was die Techniken von Brünner und Tenelli möglicherweise unterscheidet : Das In-die-Tiefe-Drücken des Bauches während der Ausatmung (vgl. 2011, S. 48), welches er affondo nennt. Er stellt die Hypothese auf, dass der typisch italienische Opernstimmklang auf diesem Unterschied beruht.

Der Gesangspädagoge Hammar weigert sich, eine Aussage zum Thema zu machen, da dieses Thema seiner Meinung nach zu den umstrittensten im Gesangsunterricht überhaupt gehört. Deshalb soll es in seiner Arbeit nicht auch noch als Hauptpunkt erscheinen (vgl. 2012, S. 120).

Die Sängerin und Stimmtherapeutin Fernau-Horn sagt, dass

der Atem den Ton nicht treiben dürfe, sondern dass umgekehrt der Ton auf dem Atem ruhen soll, wie ein Boot auf den Wellen. (1954)

Ähnlich unklar äussert sich die dramatische Sopranistin Gencer:

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Diese Aussage kann dahingehend interpretiert werden, dass beim Singen nicht gepresst werden darf, der Kehlkopf also keine Verengung erfahren darf.

Andere Definitionen des Zusammenspiels von Atmung und Phonation beim Singen

In der heute gültigen myoelastisch-aerodynamischen Theorie wird angenommen, dass die Phonation durch eine Wechselwirkung zwischen den Muskelkräften im Kehlkopf und dem Atemdruck entsteht, beziehungsweise der Luftbewegung während der Ausatmung, die an der Glottis wirksam wird (vgl. Seidner & Wendler, 2010, S. 85). Diese Theorie wird konkret so aufgefasst, dass bei einer aufsteigenden Tonleiter der Anblasedruck gesteigert werden muss, um der erhöhten Stimmlippenspannung begegnen zu können. Hierzu Hammer: „Die Spannungszunahme der Stimmlippen [beim Singen von höheren Tönen, Anm. der Verf.] erfordert einen erhöhten Anblasedruck, die Geschwindigkeit des Atemstromes nimmt zu.” (vgl. 2003, S. 22) Wie beim Singen von höheren Tönen die Lautstärke variiert werden kann, erfasst die Zweidimensionalität dieses Modells nicht.

In der zeitgenössischen Literatur wird die Atemtechnik des Singens denn auch sehr einheitlich als eine Verlangsamung der Ausatmung durch das Entgegensetzen von inspiratorischen und exspiratorischen Kräften beschrieben, bei dem weder von der Bauchdeckenmuskulatur noch vom Zwerchfell eine von der Atmung isolierte Aktivität ausgeführt wird.  Zu dieser Definition finden in leicht abweichender Formulierung Autoritäten aus Phoniatrie, Gesangspädagogik und Logopädie. Sie nennen diese Technik Atemstütze, Stimmstütze beziehungsweise Stützfunktion (vgl. Pezenburg, 2005, S. 30; Schmidt, 2009, S. 9; Seidner & Wendler, 2010, S. 62; Spiecker-Henke, 1997, S. 172; Von Bergen, 2006, S. 24; Nawka & Wirth 2008, S. 103). Brünner spricht in diesem Zusammenhang von „inalare la voce“ (vgl. 2001, S. 18).

Als Grund für die umschriebene Technik nennen sie die Feindosierung der Ausatmung, aus der sich „das Legato der Singstimme“ entwickelt (vgl. Nawka & Wirth, 2008, S. 104; Pezenburg, 2005, S. 34; Schmidt, 2009, S. 9; Seidner & Wendler, 2010, S. 63). Sie setzen die sängerische „Atemstütze“ [„Atemstütze“ dient im weiteren Text als Sammelbegriff aller erwähnten Begrifflichkeiten, Anm. der Verf.] damit derjenigen von Bläsern gleich (vgl. Gallenmüller, 2003). Ausser der Gestaltung des Legato schreiben sie der „Atemstütze“ keine Funktion oder Fähigkeit zu, was der oben aufgeführten Inkomplettheit der Stimmtheorie entspricht.

Einzelne Autoren definieren die „Atemstütze“ als ein Stützen der Ausatemluft gegen die Stimmlippen (vgl. Forchhammer; nach Seidner & Wendler, 2010, S. 65; Pezenburg, 2005, S. 46), welches folglich auch durch ein Stützen gegen Frikative eingeübt werden kann. So empfiehlt Hammer, das Dosieren der Ausatmung mittels „Hemmstellen durch Frikative“ zu trainieren (vgl. 2003, S. 177). An anderer Stelle erklärt sie: „Das Zwerchfell reagiert auf die Artikulationsspannung von Frikativen und Vibranten mit einer Gegenspannung, die Stützfunktion wird aktiviert. So ist durch die Regulierung der Artikulationsspannung eine Kontrolle der Zwerchfellaktivität möglich“(Hammer, 2003, S. 182). Die Auswirkung auf den Anblasedruck und auf die Stimmlippen beachtet sie nicht.

Estill verändert in ihrem Ansatz den Körpertonus nicht durch ein Aktivieren von Zwerchfell und Bauchdecke, sondern durch „torso-anchoring“, bei dem in erster Linie der Tonus des Brustkorbes erhöht wird. Eine Entkoppelung von Körpertonus und Anblasedruck thematisiert sie nicht.

Unklar ist, inwiefern die Bauchdeckenmuskulatur beim „torso-anchoring“ beteiligt ist.

Brünner spricht wie bereits erwähnt auch von einem Aufspannen des Brustkorbes. Er teilt dieses jedoch nicht explizit der „Atemstütze“ zu (vgl. 2001, S. 14).

Die Sprechtechniker Coblenzer und Muhar tun genau dies in der Übung „Bogenspannen ohne und mit Ton“ (vgl. 1976, S. 67). Wie Estill bringen Brünner oder Coblenzer und Muhar die „Atemstütze“ nicht direkt mit einer Kontrolle des Anblasedruckes in Verbindung (vgl. Brünner, 2001, S. 21; Coblenzer & Muhar, ebd.).

Die Phoniater Nawka und Wirth bezeichnen das Fixieren des Brustkorbes in Einatemstellung als „Thoraxstütze“, die sie als unphysiologisch betrachten (vgl. 2008, S. 104). Damit stimmen sie mit Menicucci überein, der wie bereits im vorangegangenen Abschnitt erläutert, die „in basso e in dentro“-Atmung mit Fehlspannungen verbindet (vgl. 2010, S. 60 – 61).

„Bauchpresse“ als Stimmfehler

Sobald die Muskelkontraktion der Bauchdeckenmuskulatur höher ist, als für die Ausatmung erforderlich, sprechen verschiedene Autoren von „Überstützen“, welchem sie eine stimmschädigende Wirkung zuschreiben (vgl. Nawka & WIrth, 2008, S. 104; W. Rohmert, 1991, S. 118; Seidner & Wendler, 2010, S. 65; Von Bergen, 2006, S. 25). Zu diesem Schluss kommen sie, weil sie die erhöhte Kontraktion der Bauchdeckenmuskulatur der Atembewegung zuordnen und weil sie davon ausgehen, dass sie dazu benützt wird, die Atemluft mit erhöhtem Druck gegen die Stimmlippen zu stützen. Die erhöhte Kontraktion der Bauchdeckenmuskulatur führt in ihren Augen daher immer zu einer press phonation, welche stimmschädigend wirkt.

Linklater schreibt:

Sobald die Bauchmuskeln sich einziehen, herausdrücken oder etwas Bewusstes tun, um einen Ton hochzutreiben, ersetzen sie mentale Energie durch körperliche Energie. Mentale Energie deutet im Falle des hohen Teils der Stimme gewöhnlich emotionale Energie an, so dass der Ersatz verhängnisvoll ist. (2005, S. 166)

Rohmert, Mitbegründer der “Lichtenberger Methode” argumentiert, dass die „Bauchpresse“ zu einer Fehlspannung des Kehlkopfes, zu einer gepressten Stimmgebung und zu einem verminderten Stimmklang führt (vgl. 1991, S. 118). Er stützt diese Aussage auf Vermessungen, die er an Sängern vorgenommen hat. Es ist nicht bekannt, von welcher Qualität diese Sänger waren, weshalb das Resultat seiner Forschungsarbeit in Frage gestellt werden muss.

Die gleichzeitige Kontraktion von Zwerchfell und Bauchdeckenmuskulatur als ein von der Atmung unabhängiger Bewegungsablauf

Der überwiegende Teil der für diese Literaturrecherche berücksichtigten Autoren sind, wie aufgezeigt, der Ansicht, dass die Aktivität der Bauchdeckenmuskulatur und des Zwerchfelles Teil der Atmung sind:

Die Logopädin Hammer schreibt, dass sich durch die Doppelventilfunktion des Kehlkopfes, die der Stabilisierung des Brustkorbs bei Bewegungsabläufen dient, direkte Zusammenhänge von Körperbewegungen und Aktivitätszustand der Kehlkopfmuskulatur ergeben (vgl. 2003, S. 38). Es ist jedoch nicht klar, ob sie eine Stabilisierung des Kehlkopfes meint oder einen Verschluss desselben, wie dies bei der Bauchpresse der Fall ist.

In medizinischen Standartwerken wird die Bauchpresse zwar erwähnt, die Zusammenhänge zwischen Körpertonus und Tonus der Kehlkopfmuskulatur jedoch nicht näher ausgeführt (vgl. Huch, 2007, S. 336).

Einzig der Stimmforscher Sundberg beschreibt das gleichzeitige Kontrahieren von Bauchdeckenmuskulatur und Zwerchfell als von der Atmung isolierten Bewegungsablauf (vgl. 1997, S. 50).

Die Sängerin Caballé versucht während einer Meisterklasse einer Schülerin zu erklären, dass sie das sostegno vor einem Tonsprung in die Höhe intensivieren soll


Die Tatsache, dass Caballé das sostegno während der Phonation intensiviert, zeigt, dass sie es unabhängig von der Atmung einsetzt.

Die Phoniater Seidner und Wendler bestätigen, dass ein ausgewogenes Zusammenspiel von Bauchwandmuskulatur und Zwerchfell nicht erst während des Singens, sondern bereits inspiratorisch wirksam wird (vgl. 2010, S. 63).

Diesen Tatbestand negieren die Phoniater/Stimmtherapeuten Pahn und Pahn allerdings. Sie stellen klar, dass die menschliche Phonation durch einen erhöhten Körpertonus gestützt werden muss (vgl. 2000, S. 168). Gleichzeitig sind sie jedoch der Überzeugung, dass der erhöhte Muskeltonus bei Phonationsende aufgegeben werden muss und erst bei Phonationsanfang wieder aufgenommen werden darf. Angaben darüber, wie ein totaler Ab- und Wiederaufbau der Spannung bei kurzen Atempausen im Detail zu koordinieren sei, machen sie keine. Es ist also unklar, ob bei einem Direkteinsatz auf g‘‘ wie beispielsweise in Sentas Arie „Johohoe!“ die Spannung mit Emission des Tones aufgebaut werden soll, was die Intonation beeinträchtigen würde, oder kurz zuvor, was sich ungünstig auf das äusserst straffe Zeitmanagement der Arie auswirken würde.

Wirkung des sostegno

Der italienische Tenor und Gesangslehrer Tenelli ist er der Überzeugung, dass „the active diaphragma-position“ die gesanglichen Fertigkeiten des „one-registral singing“, eine Verminderung des Druckes auf die Stimmlippen ohne Reduktion der Tragfähigkeit der Stimme und eine bessere Kontrolle der Stimme ermöglicht. Er streicht heraus, dass mit einem passiven Einsatz des Zwerchfelles insbesondere in der Höhe kein Piano gebildet werden kann, da dann mit der Reduktion der Lautstärke auch die Stütze reduziert wird, was zu einem Verlust der Registereinstellung führt:

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Sundberg erwähnt, dass er 1987 an einer Untersuchung des sostegno [Er benutzt für denselben Bewegungsablauf die Bezeichnung Zwerchfellkontraktion, Anm. der Verf.] beteiligt war, bei der folgende Effekte festgestellt wurden: Eine Reduktion des Anblasdruckes bei gleichbleibender

Lautstärke, eine Stimmlippenschwingung mit verlängerter Schlussphase, eine präzisere Kontrolle des Stimmapparates (vgl. 1997, S. 127 – 128). Sundberg gibt zu bedenken, dass das Sample aus lediglich fünf Probanden bestand. Ausserdem zeigten sich bei einem Proband, einem ausgebildeten Bläser, die beschriebenen Effekte nicht (vgl. ebd.).

Lohmann spricht wie bereits erwähnt von einer Ballung des Atems (vgl. 2009, S. 25). Gemeint ist eine Ballung des Atems unter der Glottis, was jedoch auf eine milde Form von Stauung hinweisen würde, die in eine press phonation resultieren würde.

Auch die Phoniater Nawka und Wirth schreiben von einer „kontrollierten subglottischen Kompression der Luft zur gestützten Stimmgebung“ (vgl. 2008, S. 115).

Noch deutlicher rückt Menicucci seine eigene Technik in die Nähe der press phonation, indem er schreibt, dass die Muskelkontraktion im Bauch- und Lendenbereich dazu dienten, die Luft in der Lunge unter Druck zu setzen (vgl. 2011, S. 58). Da er bereits die Atmung nicht korrekt zu beschreiben im Stande war, muss davon ausgegangen war, dass auch diese Beschreibung seine Übungspraxis nicht adäquat abbildet. Dies insbesondere auch deshalb, weil er von sich sagt, diverse Gesangsschüler mit Stimmstörungen geheilt zu haben: „Con la technica di affondo [Eigenname von Menicuccis Ansatz, Anm. der Verf.] ho curato edemi, noduli, astenie, versamenti, anomalie vibratorie, corditi, ipoattività, malmenage di ogni genere, natura ed entità“ (2011, S. 36). Der Autor präzisiert allerdings nicht, wie genau er dies gemacht hat und belegt seine Aussagen nicht.

Die Untersuchungen von Zheng, Bielamowicz, Luo und Mittal erklären die positive Beeinflussung der Stimmlippenschwingungen auf andere Weise: Sie sagen, dass die Taschenfalten die unkontrollierte Verwirbelung der Luft direkt über den Stimmlippen verhindern, indem sie den „glottalen Jet“ verlängern. Dies vermindert zum einen den „fluctuation shear stress“ der Stimmlippen, der durch Luftwirbel direkt über den Stimmlippen entsteht. Zum anderen vermindert der verlängerte glottale Jet die „translaryngeal flow resistance“, was bei gegebenem Effort zu einem schneller fliessenden Luftstrom und zu einer verstärkten Klangintensität führt (vgl. Zheng et al., 2009).

Sheng et al. kommen ebenfalls zum Schluss, dass die Präsenz der Taschenfalten den glottalen Jet verlängert und dadurch die „overall laryngeal resistance“ und den Energieverlust verkleinern. Ihre Forschungsarbeit zeigt, dass der intralaryngeale Druck am stärksten absinkt und der Luftstrom bei gleichbleibendem subglottischem Druck am deutlichsten ansteigt, wenn der Durchmesser des Taschenfaltenspalts  eineinhalb bis zweimal grösser ist als der Glottisdurchmesser. Erst wenn die Spalte zwischen den Taschenfalten schmaler ist als das eineinhalbfache der Stimmlippenritze, stören sie die Stimmlippenschwingungen, indem sie den Bernoullieffekt aufheben. Misst die Taschenfaltenspalte mehr als das Doppelte der Stimmritze, steigt der intralaryngeale Druck wieder an, die Luft strömt langsamer durch den Kehlkopf und die Stimmleistung sinkt ab. Zur Länge der verschiedenen Schwingungsphasen der Stimmlippen bei den verschiedenen Phonationsarten können die Forscher um Sheng keine Angaben machen, da sie ihre Messungen an einem Modell vorgenommen haben, das keine Stimmlippenschwingungen simuliert (vgl. 2008).

Die Forschungsarbeit von Sheng et al. zeigt auf, dass es nicht nur wie bisher vermutet eine press phonation und eine flow phonation gibt. Da Sheng die dritte Phonationsform nicht benennt, schlägt die Autorin den Begriff jet phonation vor.

Die jet phonation dürfte endoskopisch als deutliche Kontraktion der supraglottischen Strukturen wahrnehmbar sein. Eine solche wird in der Fachliteratur aber immer mit einer press phonation gleichgesetzt. So zeigt eine Abbildung in einer Publikation zur Übungsbehandlung von Dysphonien von Fussi und Turlà ein Beispiel für press phonation, bei der sich das Verhältnis der beiden Öffnungen bei der grössten Öffnung der Stimmritze im von Sheng eingegrenzten  Bereich befindet. Auch eine verlängerte Schlussphase der Stimmlippenschwingung wird als Erkennungsmerkmal der press phonation genannt (vgl. Fussi & Turlà, 2008, S. 21).

Andere Ansätze zur Beeinflussung von Körpertonus und Anblasedruck

Diverse Autoren schlagen vor, eine durch erhöhten Körpertonus verursachte press phonation durch Entspannungsübungen beziehungsweise durch Erreichen von Eutonus zu beheben (vgl. Hammer, 2003, S. 169; Saatweber, 1994, S. 57; Spiecker-Henke, 1997, S. 161).

Richard Miller kritisiert:

Propably as many fine singers have been ruined through attempts at ,relaxing‘ the vocal instrument as through driving the larynx by too much glottal resistance to airflow. (vgl. 1996, S. 78)

Andere Aussagen

Knobel und Steiner zählen Muskelaktivität des Beckenbodens mit zur Atemstütze (vgl. 2002, S. 154). Tatsächlich lässt sich beim Kontrahieren des Beckenbodens eine Veränderung des Aktivitätszustandes des Kehlkopfes propriozeptiv feststellen.

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